Freies Künstlerisches Erzählen



Was das freie künstlerische Erzählen vom Vorlesen unterscheidet



Das Erzählen von Geschichten und Märchen ist ein niedrigschwelliges, lustvolles Angebot zur Begegnung mit der deutschen Sprache. Der/die ausgebildete ErzählerIn greift zwar auf einen inhaltlich fixierten Grundtext zurück, aber im Gegensatz zum Vorlesen steht er/sie in permanenten direktem Kontakt mit den Zuhörern, da seine/ihre Augen nicht am Buch haften. Der/die ErzählerIn nimmt somit jederzeit die aktuelle Situation während des Erzählens in sein Erzählen auf und macht damit ganz unmittelbar nicht nur die Märchen und Mythen als Boten einer erlebten Welt zum Gegenstand seines Erzählens, sondern auch die alltägliche Welt des individuellen Zuhörers.

Daneben, aber als ein grundlegender Baustein untrennbar damit verbunden, führt der/die ErzählerIn die Kinder in die Welt der poetischen Sprache sowohl beim Zuhören als auch beim eigenen (Nach-) Erzählen ein. Er/sie kann durch Zwischenfragen oder Einschübe in die Erzählung mit den Kindern Unklarheiten in der Wortwahl erklären und mit ihnen gemeinsam nach treffenden (eigenen) Formulierungen suchen, ohne dabei die Rahmensituation des Erzählens zu verlassen.

Da das freie Erzählen immer wieder mit prägnanten Gesten verbunden ist, dienen diese den Kindern als Erinnerungsstütze (Körpergedächtnis), derer sie sich beim Nacherzählen bedienen können.

In Märchen, Mythen und Sagen mischen sich sowohl rationale als auch emotionale Aspekte. Die kindgemäße Ansprache von Person zu Person und der Augenkontakt von Erzähler und Zuhörer ist nötig, um sich vertrauensvoll auf die oftmals als bedrohlich erlebten Geschichte einzulassen und sich in der fremden Welt ihrer Protagonisten zurechtzufinden. Der Erzähler agiert mit Worten, Stimmführung, Körpersprache und Zuwendung wie ein Wanderführer durch unbekanntes, geheimnisvolles (Märchen-) Terrain.

Kinder lernen so aus den archetypischen, märchenhaften Situationen und im direkten Kontakt mit dem/der ErzählerIn, Werte und Normen des menschlichen Handelns in ihrer Komplexität kennen. Sie begreifen die Welt in einfachen Bildern und lernen, sich selbst in diesem Prozess zu positionieren.






Auszüge aus der Evaluation "ErzählZeit"


INSTITUT FÜR PRAXISFORSCHUNG UND PROJEKTBERATUNG, MÜNCHEN:


"Die Begegnung mit der Kulturtechnik der Mündlichkeit zieht die Kinder in ihren Bann, und sie erleben das Erzählte mit. Dieses aktive Zuhören stärkt die Konzentrationsfähigkeit der Kinder, entwickelt ihre kindliche Fantasie und Kreativität. Erzählen erweitert auch, wie oben festgestellt, den aktiven Wortschatz und die Grammatik. Das aktive Zuhören, das die Kinder gelernt haben, bildet offensichtlich einen wichtigen Grundstein für die Entwicklung von Erzähl- und Sprach-kompetenzen, die weit über die bloße Erweiterung des Wortschatzes hinausgeht. Im 'Mitfühlen' mit den Märchenhelden erschließen sich die Kinder im Dialog mit anderen die Welt. Das Erzählen von Geschichten aus aller Welt lässt die Neugier auf andere Kulturen entstehen und erleichtert interkulturelles Verstehen." (Evaluation)


"Und gleichzeitig denke ich, stellen wir immer wieder fest, dass es in der heutigen Kindheit, in dem ganzen Setting des Profits, zunehmend schwerer ist, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Gut und Böse, zwischen richtig und falsch, zwischen positivem Vorbild und negativem Vorbild, zwischen richtigem Weg und Weg, der in die Irre führt, zu unterscheiden. Und ich halte das (Erzählen) durchaus für ein probates Mittel, Kindern in einem völlig anderen Kontext Möglichkeiten zu eröffnen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Und ich denke, dass es letztendlich darüber schon auch ein gewisser Beitrag ist, ein bisschen die kindliche Persönlichkeit zu formen, in dem, was ist wichtig und was ist falsch." (Lehrerin)


"Zum einen werden Märchen aus vielen unterschiedlichen Ländern erzählt. Interkulturelles Lernen bedeutet hier ein Kennenlernen der Werte und Lebensformen anderer Kulturen. Es bedeutet aber auch, ähnliche Erzählmuster zu entdecken, die zwar unterschiedlich variieren, in ihrem Kern aber ähnlich sind. Dadurch können die Kinder erleben, dass es in den Märchen aus ihrer Heimatkultur und in für sie fremden Kulturen ähnliche oder gleiche Motive zu entdecken gilt. Märchen ermöglichen, so gesehen, Entdeckungsreisen in andere und doch nicht völlig fremde Welten." (Evaluation)


"Für die Schulklassen enthält das Erzählen zudem auch gemeinschaftsfördernde Elemente. So wird das gemeinsam Erzählte zu einem Gegenstand geteilter Erinnerung, der ohne Ausgrenzungs-erfahrungen und Leistungskonkurrenz auskommt." (Evaluation)